Begegnung mit Zeitzeugen der Erinnerung

Im Rahmen des Projektfachs zur Stärkung von Demokratiekompetenzen, das fest im schulinternen Culrriculum  der Jahrgangsstufe 11 an unserer Schule verankert ist, durften wir am vergangenen Donnerstag und Freitag zwei besondere Gäste an unserer Schule begrüßen: Axel Smend und Christoph Heubner. Ihre Besuche bildeten einen wichtigen Baustein in einem umfassenden Bildungsprogramm, das auf dialogisches Lernen, kritisches Denken und internationale Verständigung ausgerichtet ist und eine Studienfahrt nach Polen vor- und nachbereitet. Eine zehntägige Jugendbegegnung führte uns nicht nur an zentrale Lern- und Erinnerungdorte der Geschichte wie Kreisau und Auschwitz, sondern eröffnet auch Räume für persönliche Gespräche, Reflexion und kreative Auseinandersetzung.

Axel Smend: Zwischen Familiengeschichte und Verantwortung

Im Gespräch mit Axel Smend (Ehrenvorsitzenden der Stiftung 20. Juli 1944) stand die Auseinandersetzung mit dem Widerstand gegen das NS-Regime aus einer sehr persönlichen Perspektive im Mittelpunkt. Als Sohn eines am 20. Juli beteiligten Offiziers gewährte er uns Einblicke in die komplexe Verbindung von Familiengeschichte, Verantwortung und Erinnerung.

Unsere Fragen zielten dabei nicht nur auf historische Fakten, sondern auch auf persönliche Erfahrungen: Wie prägt eine solche Herkunft das eigene Leben? Welche inneren Konflikte entstehen, wenn der Vater Teil der Wehrmacht war und zugleich Widerstand leistete? Und wie lässt sich der Mut zum Widerstand mit den politischen Überzeugungen vieler Beteiligter vereinbaren, die nicht unbedingt demokratisch im heutigen Sinne waren?

Herr Smend nahm sich für jede Frage viel Zeit und beantwortete sie mit großer Offenheit. Besonders eindrücklich war seine Haltung zum Spannungsverhältnis zwischen individueller moralischer Entscheidung und historischer Verstrickung. Er machte deutlich, dass Erinnerung nicht darin besteht, einfache Urteile zu fällen, sondern Ambivalenzen auszuhalten und daraus Verantwortung für die Gegenwart abzuleiten.

Auch die Frage, wie Erinnerungskultur junge Menschen heute erreichen kann, wurde intensiv diskutiert. Seine Antwort legte nahe, dass Erinnerung dann lebendig bleibt, wenn sie in echte Auseinandersetzung mündet. So wie in unserem Gespräch.

Christoph Heubner: Erinnerung als Auftrag für die Gegenwart

Der zweite Besuch führte uns noch stärker in die Gegenwart. Christoph Heubner (geschäftsführender Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees) sprach mit uns über Antisemitismus, Erinnerungskultur und die Herausforderungen für die Demokratie heute.

Ausgehend von der Frage, warum Antisemitismus trotz jahrzehntelanger Aufarbeitung weiterhin existiert, entwickelte sich ein lebhafter Austausch über gesellschaftliche Strukturen, Vorurteile und politische Entwicklungen. Dabei wurde auch kritisch hinterfragt, wie wirksam Gedenkstättenbesuche tatsächlich sind und ob ihre Bedeutung manchmal überschätzt wird.

Besonders anschaulich berichtete Herr Heubner von seinem persönlichen Kontakt mit Marian Kołodziej und auch von ungewöhnlichen Projekten, etwa seiner Führung durch das Museum Auschwitz-Birkenau für die Rapper Farid Bang und Kollegah.

Ein zentrales Thema war zudem die Zukunft der Erinnerung: Was geschieht, wenn bald keine Zeitzeuginnen und Zeitzeugen mehr berichten können? Herr Heubner betonte, dass damit die Verantwortung auf nachfolgende Generationen übergeht und somit auch auf uns. Erinnerung wird so zu einer aktiven Aufgabe, die Engagement, Sensibilität und Haltung erfordert.

Die Gespräche mit Axel Smend und Christoph Heubner haben eindrücklich gezeigt, wie vielschichtig die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit und ihren Folgen ist. Sie haben uns nicht nur Wissen vermittelt, sondern vor allem zum weiterführenden Nachdenken angeregt über Geschichte, über Verantwortung und über unsere eigene Rolle in der Gesellschaft.

Wir als Klasse 11 des Leinetal-Gymnasiums haben uns intensiv auf diese Begegnungen vorbereitet und konnten dadurch besonders viel aus dem Austausch mitnehmen. Die Offenheit unserer Gäste und die Möglichkeit, eigene Fragen einzubringen, machten diese Tage zu einer wertvollen Erfahrung im Sinne unseres Projektfachs.

Wir bedanken uns herzlich bei Axel Smend und Christoph Heubner für ihren Besuch und die Bereitschaft zum Dialog. Beide Begegnungen zeigen, dass Lernen dort am nachhaltigsten ist, wo Menschen einander zuhören, Fragen stellen und gemeinsam neue Perspektiven entwickeln.